Nachwort
In: Peter Rutter. Sex in der verbotenen Zone. Wie Männer mit
Macht das Vertrauen von Frauen mißbrauchen.
Freiamt: Arbor 2002 (Sex the forbidden zone. Jeremy
P.Tharcher, Los Angeles, 1989)
Nachwort von Sylvia Wetzel
Bei der Vierten Internationalen Konferenz des Network of Western
Buddhist Teachers im Juni 2000 in den USA (Spirit Rock, Kalifornien)
versammelten sich etwas mehr als 200 buddhistische Lehrende, die meisten
im Westen geboren und aufgewachsen, knapp die Hälfte davon Frauen
(!). Viele von uns sprechen und schreiben nicht nur öffentlich
über Buddhismus und halten kurze und längere buddhistische
Kurse ab, sondern begleiten auch Schülerinnen und Schüler
auf dem Weg der Meditation und Innenschau. Was in diesen Beziehungen
zwischen Lehrenden und Lernenden geschieht, berührt einige Themen,
die in diesem Buch angesprochen werden.
Peter Rutters Buch hat viele Frauen und Männer zum gründlichen
Nachdenken angeregt. Sexuelle Beziehungen zwischen Menschen, die Heilung
suchen und denen, die sie versprechen und anbieten, gelten inzwischen
weitgehend als nicht akzeptabel. In einigen Berufsgruppen sind sie
rundweg verboten. Ein Verstoß kann zum Ausschluß aus dem
Berufsverband führen. Es gibt nun aber Grauzonen, in denen sich
Therapeuten und Klientinnen, Lehrende und Lernende, Frauen und Männer
auf dem spirituellen Weg unklar verhalten. Im Klartext: Es gab und
gibt beispielsweise tibetische Lamas und japanische Roshis und westliche
buddhistische Lehrer, die Beziehungen mit ihren westlichen Schülerinnen
eingehen. Daß dies geschieht, ist menschlich. Auch Männer,
die Buddhismus lehren, sind Menschen mit Vorlieben und Schwächen,
und Frauen, die sie anhimmeln, machen ihnen Grenzüberschreitungen
oft sehr leicht. Daß sich Männer aus Asien so verhalten,
mag verständlich sein, denn sowohl in Japan als auch in Tibet
gelten sexuelle Beziehungen als etwas Natürliches und Übliches,
und die kulturelle Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern sieht
auch buddhistische Lehrer in erster Linie als Männer, denen das
Recht auf sexuellen "Gebrauch" von Frauen zusteht. Und selbst
wenn sie als Mönche offiziell im Zölibat leben, nimmt man
es damit nicht so genau. Wenn nun männliche Lehrer aus westlichen
Ländern dieses Verhalten bei ihren asiatischen Lehrern sehen
und über kurz oder lang imitieren, ist auch das verständlich.
Man sucht sich immer das Verhalten zur Nachahmung heraus, das die
eigenen Strukturen zu rechtfertigen scheint.
Daß Beziehungen zwischen asiatischen und westlichen Lehrern
und ihren Schülerinnen auch im Westen und in der postfeministischen
Ära seit drei Jahrzehnten immer noch und immer wieder vorkommen,
ist ein Problem. Daß das für die meisten betroffenen Lehrer
kein Problem ist, sondern entschuldigt oder sogar gerechtfertigt wird,
ist das zweite Problem. Wenn dann ihre westlichen Schüler und
Schülerinnen (!!!) ein solches Verhalten für tolerierbar
oder sogar für angemessen halten, entsteht ein drittes Problem.
Wird diese Art von Beziehungen dann noch spirituell überhöht
und als "tantrische" Beziehung interpretiert, entsteht ein
weiteres Problem. Manche Lehrer und Schülerinnen heißen
solche Beziehungen zwar nicht für gut, betrachten sie aber als
Kavaliersdelikt. Vergleicht man die öffentlichen Reaktionen in
der buddhistischen "Szene" auf bekannt gewordene Fälle
von Beziehungen zwischen buddhistischen Lehrern mit ihren Schülerinnen,
fällt auf, daß die Debatten in den USA um einiges schärfer
sind als in Europa. Selbst frauenbewußte Lehrerinnen und Schülerinnen
in Europa sehen solche Beziehungen zwar als unangemessen an, betrachten
ihr Vorkommen aber nicht als Drama.
Ich stimme dem Autor dieses Buches in der Grundaussage zu: Sexuelle
Beziehungen zwischen Schülerinnen und ihren geistigen Lehrern
sind in der Regel schädlich für beide Seiten. Sie sind auch
schädlich, wenn es um eine Lehrerin und ihren Schüler, um
zwei Frauen oder um zwei Männer geht. Die Konstellation Lehrer
und Schülerin kommt allerdings am häufigsten vor, und da
treten die Probleme meist auch deutlicher auf. Sie bewirken in der
Regel den größeren Schaden, da die immer noch wirksamen
Geschlechterrollen die latente Bereitschaft zu solchen Beziehungen
fördern und den Konflikt verschärfen. Ich wünsche diesem
Buch daher viele Leserinnen und Leser. Ich wünsche mir, daß
Männer, die Buddhismus lehren und Frauen, die eine geistige Begleitung
suchen und finden, über einige wesentliche psychologische Faktoren
dieser Beziehung nachdenken. Jede Person, die eine andere Person spirituell
begleitet, setzt durch diese Begleitung nicht nur einen spirituellen,
sondern auch einen psychologischen Prozeß in Gang, der beide
Seiten beeinflußt. Dieser Prozeß wird in diesem Buch sorgfältig
beschrieben. Er findet auch in einer spirituellen Beziehung statt.
Die suchenden Frauen wollen ihr "unerkanntes inneres Selbst finden"
und "ihre unentdeckten inneren Möglichkeiten" entfalten.
Werden sie vom spirituellen Lehrer als Sexualobjekt betrachtet und
funktionalisiert, fallen sie schnell in ihre anerzogene, kulturell
geprägte Frauenrolle zurück, passen sich an, sind gelähmt,
lassen sich ausnutzen, werten sich ab und fühlen sich auch noch
schuldig für das, was geschieht. Im weiteren tragen die meisten
Menschen, die eine enge geistige Begleitung suchen, ungelöste
Probleme mit den Eltern in diese Beziehung hinein. Begreift und achtet
der Lehrer seine Rolle und die der Schülerin und sieht sie wie
eine Tochter, kann diese symbolische Beziehung Elternprobleme heilen.
Ein spiritueller Lehrer, der eine sexuelle Beziehung mit einer Schülerin
eingeht, begeht "psychologischen Verrat", er verübt
eine Art Inzest mit seiner spirituellen Tochter. Die psychologischen
Ähnlichkeiten zwischen Inzest und Vergewaltigung sind so groß,
daß dieser Verrat die menschliche und die spirituelle Beziehung
ruiniert.
Eine respektvolle und reife sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen
setzt Gleichwertigkeit voraus. Zumindest ist das die Ansicht vieler
Frauen. Was bei den inneren Bildern, die Männer von Beziehungen
haben, häufig Modell steht, scheint älteren Datums zu sein.
Da will der Mann - bewußt oder unbewußt - immer noch das
Haupt der Familie und der dominierende Faktor in der Beziehung sein.
Sicherlich sind Beziehungen mit Schülerinnen auch deshalb so
faszinierend für Männer, weil sie da "gefahrlos"
das alte Modell leben können. Er sagt, wo es lang geht, und sie
bewundert ihn auch noch dafür.
Die buddhistischen Traditionen kennen unterschiedliche Arten von Lehrenden.
Dazu gehören ganz normale Menschen, die viel studiert und wenig
verwirklicht haben und bestenfalls korrekte Informationen über
Buddhismus liefern können. Dann gibt es das Modell "großer
Bruder, große Schwester": Solche Vorbilder auf dem Weg
gelten als noch nicht "erwacht", sie sind nicht frei von
Verblendungen, Ängste und Schwächen. Sie gehen aber den
Weg mit Hingabe und tiefer innerer Verpflichtung. Solche "unerleuchteten
Vorbilder" stehen uns meist noch recht nahe und können uns
aufmuntern, wenn wir mutlos werden und unseren Übermut dämpfen,
wenn wir abheben. Es scheint, daß dieses Modell für die
meisten Menschen im Westen am besten geeignet ist. Es weckt nicht
so viele Erwartungen und Projektionen und spornt uns eher an, ihnen
nachzueifern. Schließlich gibt es noch das Modell "großer
und erleuchteter Guru". Dieses scheint bei vielen westlichen
Übenden des öfteren negative Auswirkungen zu haben. Die
AnhängerInnen lehnen sich zurück, verehren die wunderbaren
Meister, vergessen ihren gesunden Menschenverstand, legen ihr psychologisches
Grundwissen und demokratische Spielregeln ad acta, regredieren auf
das Kinderstadium und bleiben oft darin hängen. Wenn ein derart
idealisierter Meister dann sexuelle Beziehungen mit einer Schülerin
aufnimmt, grenzt das an Kindesverführung, zumindest auf psychologischer
Ebene. Welchen spirituellen Nutzen das haben soll, übersteigt
meine Vorstellungskraft.
Mein Fazit aus vielen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen,
die Buddhismus lehren, und mit vielen Frauen, die ihren geistigen
Weg mit Lehrerinnen und Lehrern aus dem Westen üben, ist klar:
Sexuelle Beziehungen zwischen spirituellen Lehrern und ihren Schülerinnen
schaden beiden Seiten. Wie zerstörerisch sich das auswirkt, und
zwar auf beide Seiten und auf beide Geschlechter, wird in diesem Buch
ausführlich beschrieben. Damit wir die psychologischen Mechanismen,
die solche Grenzüberschreitungen möglich machen, nicht unbewußt
weiter tragen, müssen Frauen lernen, ihre Rolle zu erkennen,
ihre Grenzen zu sehen und aktiv zu gestalten oder Frauen zu verteidigen.
Wenn Frauen sich von männlichen Lehrern in Versuchung geführt
oder unter Druck gesetzt fühlen, sollten sie sich abgrenzen.
Wenn das schwer fällt, können sie sich an Freundinnen auf
dem Weg wenden oder direkt an Lehrerinnen und sich dort Hilfe und
Unterstützung holen. Männlichen Kollegen gebe ich die Ratschläge
dieses Buches weiter: Wenn Du "am Abgrund stehst", halte
an und suche Hilfe. Wenn Du das Gefühl hast, Deine spezielle
Situation sei eine Ausnahme, sollten alle Alarmglocken schrillen.
Wenn du schwach wirst, sei ehrlich mit dir und suche keine Ausflüchte.
Wenn Du "die verbotene Zone" betreten hast, rechtfertige
dich nicht, stehe zu deinem Versagen, suche professionelle Hilfe für
dich und leiste Wiedergutmachung. Soweit das möglich ist. Kollegen
und Kolleginnen möchte ich dazu anregen, über dieses Thema
mit anderen Kollegen zu sprechen. Denn vier und sechs Augen sehen
mehr als zwei. Vor allem, wenn wir auf uns selbst schauen.
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