Das Herz des Lotos. Frauen und Buddhismus

Auszug aus Teil Drei: Frauen und Buddhismus
Kapitel 2: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mann (S.115-129)

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mann

Ein Mann in einer Welt der Frauen

Einige Fragen zum Anfang: Haben Buddhas ein Geschlecht? Was haben Leib und Seele, Körper und Geist miteinander zu tun? Können Buddhas sexistisch sein? Transzendiert Erleuchtung soziale Rollen?

Ich möchte meine Leserinnen und Leser einladen, mir auf eine Phantasiereise zu folgen. Machen Sie es sich bequem und lesen Sie das folgende:

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mann! Sie interessieren sich für Meditation und für den Buddhismus. Sie besuchen einen tibetischen Tempel, legen Ihre Schuhe ab und treten ein. Da sehen Sie sie, an der Wand gegenüber dem Eingang: Buddha Tara auf einem kostbaren tibetischen Rollbild (Thangka), vielleicht zwei mal drei Meter groß. Sie erinnern sich, Buddha war eine Frau. Alle tausend Lehr-Buddhas unseres glücklichen Zeitalters sind Frauen. So zumindest lehrt es die Tradition. Auf dem Thangka ist Buddha Tara umgeben von ihren 16 engsten Schülerinnen, den 16 Arhantis, befreiten, freien Frauen. Die Rollbilder, gesäumt von leuchtendem, schweren Brokat erstrahlen in wunderschönen Farben.

Sie haben Glück, heute wird eine berühmte buddhistische Meisterin einen Vortrag halten. Mit hunderten von Menschen warten Sie auf die Ankunft der XIV. Dalai Lama, Friedensnobelpreisträgerin und beliebtes Oberhaupt des tibetisches Volkes. Sie wissen, daß die Dalai Lamas die Inkarnation der Lotosgöttin sind, der stets weiblichen Verkörperung von Liebe und Mitgefühl auf dieser Erde. Die Dalai Lama wird von hohen Würdenträgerinnen begleitet, die sich genau wie ihr verehrtes Oberhaupt seit Jahrhunderten zum Wohl aller Lebewesen für eine weibliche Inkarnation entschieden haben.

Gerade treten die buddhistischen Nonnen ein, aufrechte, selbstbewußte, schöne Frauen in leuchtend roten und gelben Roben; sie werden respektvoll auf die für sie reservierten Plätze in den ersten Reihen geleitet. Hinter ihnen huschen die Mönche herein; etwas schüchtern und verschämt nehmen sie die hinteren Sitze ein. Sie kennen einige Geschichten über die Lamas der Tradition, die bis auf ein, zwei Ausnahmen alle Frauen waren. Über allen thront die friedliche und machtvolle Gestalt der Grünen Tara.

Der Vortrag der Dalai Lama ist erhellend und inspirierend. Sie fühlen sich verstanden in ihrem tiefsten Sein. Sie fühlen sich wohl im Kreis dieser nach Einsicht und Liebe strebenden Menschen. Und doch, etwas nagt. Wahrscheinlich "das Ego", das haben Sie zumindest schon einmal in diesen Kreisen gehört. Wenn einem etwas seltsam vorkommt, sollte man immer zuerst daran denken, daß das bloa der Kampf "des Ego" gegen die Wirklichkeit ist.

Ein Huhn ist kein Vogel - eine Frau ist kein Mensch
(russisches Sprichwort)

Stellen Sie sich nun vor - denken Sie daran, Sie sind ein Mann -, Sie wenden sich bei der nächstbesten Gelegenheit an eine buddhistische Lehrerin. In Ihrer Nähe findet ein Vortrag einer berühmten buddhistischen Nonne aus Sri Lanka statt. Etwas irritiert und verunsichert, aber gleichzeitig voller Vertrauen auf die Integrität dieser wunderbaren Nonnen (und Mönche), lassen Sie sich einen Termin für ein Einzelgespräch geben. Eine zweite Nonne bleibt im Zimmer, und auch die Tür wird nicht ganz geschlossen, denn ordinierte Nonnen (und Mönche) leben im Zölibat und sollen aus verständlichen Gründen mit einer Person des anderen Geschlechts nie allein sein.

Sie wenden sich also mit Ihrer Frage an die Ehrwürdige Nonne: "Ich schätze die Lehren und Übungen des Buddhismus sehr, doch warum gibt es fast überall nur Frauen, die lehren? Warum sind die Lehr-Buddhas immer Frauen? Warum sitzen die Nonnen in der ersten Reihe und die Mönche hinter ihnen?" Die Ehrwürdige Nonnen sitzt völlig entspannt in ihrem Sessel und schlürft gemächlich einen Tee, den eine junge Novizin mit einer Verbeugung gerade serviert hat. Sie schaut Sie etwas verwundert, aber doch sehr mitfühlend an und sagt: "Junger Mann, machen Sie sich doch darüber keine Gedanken. Das Geschlecht spielt (fast) keine Rolle auf dem geistigen Weg. Üben Sie, und dann lösen sich alle Probleme von allein."

"Ja, aber warum gibt es fast ausschließlich Lehrerinnen?", fragen Sie weiter. "Nun ja, einige Schriften sprechen davon, daß eine männliche Wiedergeburt weniger wertvoll ist als eine weibliche. Doch das bedeutet keinesfalls eine Diskriminierung von Männern. Das ist lediglich eine mitfühlende Beschreibung der sozialen Wirklichkeit. Männer haben es einfach schwer, ihr Leben ist voller Mühe und Arbeit. Ich bete dafür, daß Sie im nächsten Leben als Frau wiedergeboren werden. Dann haben Sie es leichter. Sie können auch selbst für eine weibliche Wiedergeburt beten."

Ja, denken Sie sich, Männer haben kein einfaches Leben. Man sieht uns trotz aller Gleichberechtigung immer noch ein wenig als Menschen zweiter Klasse an, als unvollständige Frauen, als Menschen, die eigentlich das "falsche" Geschlecht haben. Und das als Ausdruck von Mitgefühl zu sehen, ist ein interessanter Gedanke. "Ein Leben als Mann ist weniger wert als ein Leben als Frau". Das ist eine rein deskriptive Beschreibung und keine normative Aussage. Vielleicht hilft mir das, meinen Weg als Mann im Buddhismus zu finden.

 

In der Leerheit gibt es weder Frau noch Mann

So weit, so gut. Nach einigen Wochen und Monaten hält eine berühmte Zen-Lehrerin einen Vortrag mit dem Titel: "Der große Weg ist ohne Mühe, für die, die nichts den Vorzug geben..." Das klingt gut, nicht nach Bevorzugung eines Geschlechts, sondern richtig weise, nichtdualistisch. Auch hier lassen Sie sich wieder einen Termin für ein Einzelgespräch geben. In eleganten seidenen Roben sitzt die Ehrwürdige Äbtissin eines bekannten Zen-Klosters im Westen und schaut Sie aufmerksam an. Sie lächelt nicht, strahlt aber viel Ruhe und Klarheit aus. Wieder stellen Sie Ihre Frage: "Sehen Sie, ich finde das Zen wunderbar, naja, etwas martialisch kommt es mir schon vor, aber im großen und ganzen gefällt mir die Ästhetik in der Zen-Halle, die Rezitationen und die große Ernsthaftigkeit und Ausdauer bei der Übung. Aber wie Sie sehen, bin ich ein Mann. Überall bin ich konfrontiert mit weiblichen Buddhas, mit Lehrerinnen, mit der Überlieferungslinie der großen Zen-Matriarchinnen, immer geht es um Nonnen und ihre Einsichten, und ich als Mann komme einfach nicht vor. Es fällt mir schwer, mich mit all diesen weiblichen Figuren zu identifizieren."

"Junger Mann, " erwidert die Zen-Meisterin mit einem angedeuteten Lächeln, "junger Mann, ich gebe Ihnen einen Rat: Üben Sie, üben Sie mit großer Ausdauer. Bewegen Sie das Koan in ihrem Bauch, bis es sich wie ein rotglühende Feuerkugel anfühlt. Üben Sie, erleben Sie Leerheit. In der Leerheit gibt es weder Mann noch Frau, weder Körper noch Geist, und damit auch keine Probleme. Mann, Frau, Körper, Geist, das ist alles nicht wichtig, das ist bloa die Oberfläche. Sie müssen tiefer gehen. Üben Sie. Erkennen Sie Leerheit, dann lösen sich alle Ihre Fragen in einem großen Lachen auf. Glauben Sie mir, ich habe das selbst erlebt und mit mir alle großen Meisterinnen (und Meister) aller Zeiten und Räume."

Sie nehmen sich den Rat zu Herzen und meditieren mit Ausdauer und Hingabe. Hin und wieder erleben Sie Momente, wo das Geschlecht wirklich überhaupt keine Rolle mehr spielt - in der Meditation und auf dem Kissen. Doch fast jedesmal, wenn Sie einen Vortrag besuchen, ein Buch aufschlagen oder eine Geschichte hören, steht eine Frau im Mittelpunkt, umsorgt von einer Riege junger Frauen oder Männer, die ihr mit Hingabe dienen.

 

Männer sind nützlich

Dann kommt eine große tantrische Meisterin, eine bekannte Lama in Ihre Stadt, hält einen Vortrag über Freude und Weisheit und gibt anschließend eine "Einweihung in die Grüne Tara", eine Einführung in die Meditation über eine weibliche Buddha-Gestalt. Bekannte und Freundinnen kennen sie von Kursen und empfehlen Ihnen, sich vertrauensvoll an diese charismatische Tibeterin zu wenden. Sie spricht perfekt Englisch, da sie auf einer katholischen Privatschule in Indien erzogen wurde und an einer englischen Universität westliche Philosophie studiert hat. Wieder wenden Sie sich vertrauensvoll an eine buddhistische Autorität und fragen: "Sehen Sie, ich achte und schätze den Buddhismus. Doch wie passe ich als Mann in diese Frauenreligion? Überall dreht es sich um Frauen. Naja, es gibt im Tantra auch ein paar männliche Buddhas, aber lehren tun vor allem die Frauen." Die tantrische Lama strahlt Sie charmant an und meint völlig entspannt: "Keine Sorge, junger Mann, Sie sind ein wundervoller und kostbarer Mensch. Sie sind ein wunderbarer Daka. Sie können uns Frauen helfen, unsere Kundalini-Kraft zu wecken und so Erleuchtung zum Wohle aller Wesen zu erlangen."

Damit endet die Phantasiereise.

 

Frauen und Männer

Befaßt sich eine Frau mit buddhistischen Lehren und Übungen und besucht sie Vorträge und Kurse, betritt sie eine Welt männlicher Symbole und männlicher Macht. Möglicherweise fängt sie an, über die Konsequenzen eines solchen Settings nachzudenken. Sie hört davon, daß einige Schriften ein Leben als Frau als nachteilig beschreiben. Ein tibetisches Wort für Frau bedeutet wörtlich "niedrige Geburt" (kye men).

Die tibetische Tradition nennt eine Liste von acht günstigen Eigenschaften, die einem spirituellen Leben förderlich sind, die siebte ist ein männlicher Körper. Daß es im Laufe einer patriarchalen Sozial- und Religionsgeschichte solche Aussagen gemacht werden, läßt sich nachvollziehen. Werden sie jedoch in einer Tradition beibehalten, hochgehalten und unkritisch gelehrt, ist das problematisch. Ich erinnere mich zum Beispiel an zwei westliche Mönche, die mir Anfang der achtziger Jahre völlig naiv anvertrauten: "Du tust mir leid. Ich habe es in diesem Leben endlich geschafft, Mann zu werden. Aber du kannst ja für eine männliche Wiedergeburt im nächsten Leben beten." In Nepal begegnete ich einer westlichen Nonne, die mir strahlend erzählte, sie bete für eine männliche Wiedergeburt. Und diese Frau war in Kalifornien großgeworden!

 

"Richtige" Frauen und Männer

Folgen Sie den Empfehlungen der Mahayana-Tradition, können Sie bei allen Problemen über die Leerheit meditieren. Gehen sie beispielsweise der Frage nach, was eine Frau eigentlich ist, suchen Sie im Körper, in Gefühlen und Gedanken nach dem wahren Wesen der Frau. Was werden Sie finden? Werden Sie etwas finden, wodurch sie eindeutig wissen: Das genau macht Frausein aus? Die Mahayana-Tradition meint, Sie werden nichts finden. Sie nennt es Shunyata, Leerheit, Wirklichkeit: Der offene Raum, in dem zwar alles wunderbarerweise geschieht, in dem man aber nichts findet, worauf man den Finger legen könnte. Diese Einsicht befreit der Tradition zufolge von allem Leid.

Was ist eine Frau? Es gibt offensichtliche körperliche Merkmale. Etwas schwieriger wird es, wenn man auf Gefühle und Gedanken achtet. Gibt es weibliche Gefühle und Gedanken? Bedingt der biologische Unterschied zwischen Männern und Frauen Unterschiede im emotionalen Befinden und im Denken? Wo verläuft die Trennlinie zwischen biologischem Frausein und sozialer Frauenrolle? Gibt es so etwas wie das Wesen der Frau und das Wesen des Mannes? Unterscheidet sich der geistige Weg von Frauen und Männern? Man kann über diese Frage lange nachdenken und versuchen, sie mit dem Verstand zu lösen. Bislang hat kein gedankliches System eine Antwort geliefert, die die Mehrheit der fragenden Frauen und Männer zufriedengestellt hätte. Eine Antwort kann es sicherlich auch nicht geben, doch haben sich feministische Theorie und Praxis in den letzten fünfundzwanzig Jahren um Antworten bemüht.

Die Mahayana-Tradition empfiehlt zwei Herangehensweisen an alle Arten von Fragen und Problemen: (a) Mit der letztendlichen Analyse erkennen wir die Leerheit, die Substanzlosigkeit aller Kategorien und (b) mit der Meditation über das bedingte Entstehen aller materiellen und ideellen Phänomene, von Dingen, Menschen, Gefühlen, Kategorien und Denkfiguren kommen wir ebenfalls zur Einsicht in Leerheit, zur Erkenntnis, daß es nichts gibt, was objektiv so oder so ist.

 

Der Mann als Modell

Die Aussage, ein Leben als Frau habe weniger Wert als eines als Mann, hat viele Folgen. So lagen und liegen in allen buddhistischen Ländern Studium, Bewahrung und Weitergabe der Lehren überwiegend in den Händen von Männern. Und dies, obwohl es bekannte übende und lehrende Frauen gab und gibt. Frauen spielen nur in den Ländern eine Rolle, in denen es starke Nonnenorden gibt, wie in Taiwan und Korea. Nicht zufällig sind das auch die Länder, in denen über die wirtschaftliche Entwicklung Einflüsse westlicher Gleichberechtigungsvorstellungen besonders spürbar sind.

Die Dominanz von Männern in der Lehre hat, vor allem in Verbindung mit einer von der Tradition abgesegneten Gleichgültigkeit gegenüber Geschlechterrollen oder gar einer blanken Frauenverachtung, auf vielen Ebenen spürbare Folgen. Eine Folge ist zum Beispiel die offene oder subtile, bewußte oder unbewußte Verachtung von Mönchen und männlichen Laien gegenüber Frauen, seien sie Nonnen oder Laien. Es gibt immer noch zu viele, die mehr oder weniger auf Frauen herabschauen und gleichzeitig meinen, die Frage des Geschlechts sei unwichtig.

Eine weitere Folge ist der Mangel an weiblichen Vorbildern. Es gibt kaum Abbildungen weiblicher Buddhas und Bodhisattvas, von Arhantis und Meisterinnen in buddhistischen Tempeln und Zentren und kaum Geschichten berühmter Frauen der Vergangenheit. Auf Nachfragen betonen manche Lehrer, daß es immer und überall berühmte weibliche Übende und Lehrende gab, doch hatten die männlichen Mitglieder der Überlieferungslinie wohl wenig Interesse, diese Geschichten aufzuschreiben und weiterzugeben.

Besonders gravierend ist die Ausrichtung der Lehren und Übungen auf männliche Übende. Wenn Frauen in einer Institution eine geringe oder gar keine Rolle spielen, wird auch die Lebenssituation von Frauen und ihre möglicherweise andere Herangehensweise an das Leben kaum oder gar nicht berücksichtigt oder thematisiert. Theorie und Praxis des Buddhismus orientieren sich daher auch heute noch in allen Schulrichtungen am Modell Mann, das heißt, sie orientieren sich an der traditionellen männlichen Rollenkonditionierung.

Etwas überspitzt und plakativ formuliert geht es um folgende Werte: Askese und Zölibat, Mönchstum und methodische Übungen, schriftliche Überlieferungen und Studium, Hierarchien und Schulrichtungen, Klöster und Traditionslinien. Der Weg führt aus dem alltäglichen Leben heraus und in eine Welt des Geistes. Es geht um abstrakte Ideen, um die absolute Ebene der Wirklichkeit, um ein Ideal der Vollkommenheit, die der (männliche) Übermensch später irgendwann einmal erreichen soll.

Die Werte von Frauen sind oft genau entgegengesetzt: Im Vordergrund stehen Beziehungen und das Leben in dieser Welt, kleine alltägliche Dinge und Tätigkeiten, eigene Erfahrungen, eigene Wege und das Miteinander in Gruppen. Der Weg führt ins Leben hinein, und es geht um den Körper und die Erde und eine Vollständigkeit im Hier und Heute. Übende sind Menschen mit Fehlern, Schwächen und Brüchen, die sich um die relative Ebene des konkreten Lebens sorgen.

Religiöse Bewegungen sind dann lebendig, wenn sogenannt "weibliche Werte" eine Rolle spielen. Es gibt sie in allen Religionen, in manchen mehr, in anderen weniger, und sie inspirieren viele Frauen und Männer. Sie haben aber erst dann die Kraft, aus ihrem Schattendasein herauszutreten und patriarchale Muster aufzubrechen, wenn Frauen in Institutionen eine Rolle spielen.

Es tut sich aber einiges: Buddhistische Einrichtungen im Westen sind zwar bislang stark von den kulturellen und sozialen Werten der jeweiligen asiatischen Traditionen geprägt, spiegeln aber zunehmend auch unsere Vorstellungen und Werte. Einige Frauen und Männer im Westen nehmen ihren abendländischen Hintergrund ernst, experimentieren mit demokratischen Spielregeln und bemühen sich, die unterschiedlichen Werte der beiden Geschlechter wahrzunehmen und damit umzugehen. Wir machen es uns allerdings zu einfach, wenn wir Demokratie und Gleichberechtigung im Westen plakativ gegen die feudalen und patriarchalen Strukturen des Buddhismus ausspielen. Religiöse Institutionen enthalten per se hierarchische Elemente, und auch in demokratischen Strukturen setzen sich Machthierarchien durch. Der Buddhismus im Abendland wird allerdings in der exotischen Ecke bleiben, solange mittelalterliches Zeremoniell und feudale Hierarchien im Vordergrund stehen.

Die Auflösung bestehender Geschlechterrollen macht uns nicht automatisch freier. Frauen und Männer sind verunsichert, ziehen sich auf ihr Privatleben zurück und sprechen nur noch von ihrer individuellen Entwicklung. Letzlich muß jede Frau selbst herausfinden, an welchen Rollenerwartungen, an welchen Vorstellungen von Frausein sie sich tatsächlich orientiert: was sie darüber denkt und wie sie tatsächlich lebt.

Die frohe Botschaft der Lehren vom bedingten Entstehen für Frauen lautet: Eine Frau ist das, was sie zu einer bestimmten Zeit tut, sagt und denkt. Die Frage ist, woran sie sich dabei orientiert. Solange wir glauben, es gäbe da irgendwo "das wahre Wesen" der "richtigen" Frau (bzw. des "richtigen" Mannes), sind wir geneigt (meist männlichen) Autoritäten zu folgen und dem zu glauben, was patriarchale Geschichtsschreibung, Religion oder Psychotherapie lehren: Männer sind das Subjekt der Geschichte, und "richtige" Frauen stehen ihnen bei - klug und charmant und möglichst im Hintergrund. Eva wurde aus der Rippe des Adam geschaffen, die Frauen sind der dunkle Kontinent (Freud) und sie wissen nicht, was sie wollen (Lacan).

Wendet frau (und man) die Lehren vom bedingten Entstehen auf Kategorien wie Frau, Mann, Familie, Beziehung, Arbeit, Gesellschaft usw. an, findet sie zu ihrer großen Erleichterung heraus, daß es gar keine "richtigen" Frauen und Männer geben kann, da Frauen- und Männerrollen in Abhängigkeit von bestimmten sozialen und kulturellen Bedingungen und Werten entstehen, eine Weile bestehen und sich schnell wieder verändern. Ein Großteil des heutigen Leidens an Beziehungen hat wohl damit zu tun, daß sich Frauen wie Männer an alte Rollen klammern, weil sie glauben, es gäbe so etwas wie "richtige" Frauen und Männer. Oder sie denken sich am grünen Tisch neue Modelle aus, mit denen sie sich und andere unter Druck setzen.

 

Frauen und Männer

Heute versuchen viele Frauen und Männer, ihre Beziehungen neu zu gestalten. bemühen sich um ein Verhältnis, das weder auf Unterordnung noch auf Angleichung beruht. Das Modell der Geschlechterdifferenz schafft Raum für ein möglicherweise unterschiedliches Verhalten beider Geschlechter, das aber als grundsätzlich gleichwertig betrachtet wird. Diese offene Haltung läßt sich gut vereinbaren mit der buddhistischen Auffassung vom bedingten Entstehen: Alles verändert sich, auch die Geschlechterrollen. Was nun Akzeptanz von Unterschieden zwischen den Geschlechtern und Gleichwertigkeit bedeuten und wie sie zu leben sind ist die große Aufgabe der heutigen Zeit. Sie ist nicht einfach und teilweise sehr schmerzhaft, da sich alte Sicherheiten auflösen.

Die französische Philosophin Luce Irigaray meint sogar, daß wir erst dann mit allen Arten von Verschiedenheit produktiv umgehen können - beispielsweise mit Menschen anderer Kulturen -, wenn Frau und Mann sich als verschieden aber doch gleichwertig wahr- und annehmen können.

Solange wir in der Kategorien des Geschlechts denken, solange unser Selbstbild, emotionale Muster und Verhaltensstrategien von unserem Geschlecht geprägt werden, ist es notwendig, sich dieser Prägungen bewußt zu werden. Bewußt werden wir uns ihrer nur, wenn wir sie sorgfältig beobachten, genau wahr- und sehr ernstnehmen. Nur dann können wir auflösen, was Leiden schafft, und beibehalten oder neu einüben, was zum Glück für alle Beteiligten führt. Wir werden unsere sozialen Konditionierungen als Frauen und Männer also nicht überwinden, wenn wir sie ignorieren.

Manche glauben das und sagen: Wir sind doch alle androgyn, wir haben doch alle weibliche und männliche Qualitäten in uns. Laßt uns doch einfach Menschen sein.

Jedes Herangehen, das die "real existierenden" geschlechtlichen Konditionierungen außer acht läßt, läuft Gefahr, entweder die alte hierarchische Differenz aufrechtzuerhalten oder die Angleichung der Frauen an das männliche Modell zu fördern. Es wird viel Arbeit machen, die "allgemein menschlichen" Aussagen auf ihr Modell zu untersuchen. Viele "Diagnosen und Therapien" des Buddhismus sind am Modell des männlichen Praktizierenden entwickelt worden und sie werden unreflektiert und unkommentiert den "allgemeinen" Menschen an die Hand gegeben. Viele Frauen wundern sich, warum sie sich mit ihren Depressionen, ihrem Helfersyndrom und ihren Gefühlen des Überfordertseins in den Schriften nicht wiederfinden. Dort ist immer wieder die Rede von wütenden, extrovertierten Menschen, denen Geduld, Innenschau und Nächstenliebe angeraten wird.

Es wird einer der Beiträge des modernen Buddhismus im Westen sein, die Unterschiede zwischen Frauen und Männern, auf der Ebene der Selbstbilder, emotionaler Strategien und Verhaltensweisen, wahrzunehmen, zu reflektieren und anzusprechen.

 

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